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Eine Frage des Vertrauens

Bei der täglichen Lektüre von „Spiegel Online“ stieß ich auf folgendes:

Job-Ranking: Diesen Berufen vertrauen die Deutschen

Ein buntes Thema, das den Kollegen bestimmt eine Menge der begehrten Klicks bringt, quasi die Quote der Online-Medien, aber dazu folgt später mal hier ein anderer Artikel.

Konkret geht es um der Vertrauen der Deutschen in bestimmte Berufsgruppen. Das Journalisten da nicht besonders gut bei weggkommen dürften ist m.E.
a) nicht sonderlich überraschend
b) einer jahrelangen selbstverschuldeten Demontage des eigenen Berufsbildes geschuldet

Deshalb auch mein Tipp: Sollten Sie in einer Zeitung oder im Internet etwas über eine Studie lesen, empfiehlt es sich, mal beim Urheber der Studie die Langfassung anzusehen, denn Journalisten sind manchmal ziemlich unfähig, was das korrekte Interpretieren von Erhebungen angeht.

Vielleicht auch ein Grund, warum nur 37% der Deutschen den Journalisten vertrauen.

Ganz viel Vertrauen schenken sie dagegen den Menschen, die es verdient haben: Krankenschwestern, Sanitätern, Polizisten (*) und Feuerwehrleuten.

Das wirft bei mir jetzt ein paar Fragen auf:

1) Soll ich als Journalist und Feuerwehrmann einfach mal den Mittelwert von 67% anlegen?
2) Warum tauchen in der Spiegel-Bildstrecke so spannende Berufe wie Manager, Banker und Unternehmensberater nicht auf?

Die spontane Antwort auf Frage 2 wäre natürlich:
Weil die Skala keine negativen Prozentwerte ausweisen kann!

Immerhin rangieren die Banker laut Studie bei 39 Prozent, aber da reissen es vermutlich die kleinen Bankberater der örtlichen Sparkasse wieder raus.

kommen wir also zur wichtigsten Frage des Tages:

Warum um alles in der Welt müssen die Menschen, denen wir am meisten Vertrauen und auf die wir alle irgendwann mal angewiesen sind jeden Euro rumdrehen und warum dürfen die anderen sinnlos und ungestraft Millionen verbraten?

Um es mit Volker Pispers zu sagen:

Aber kommen wir nochmal auf den Journalisten zurück: Interessant ist es ja, dass Politiker laut der Studie ziemlich schlecht abschneiden (15%), Bürgermeistern allerdings vergleichsweise viel Vertrauen entgegen gebracht wird (55%). Und ich wage mal zu behaupten, genau DA liegt der Schlüssel und die Hoffnung für mich als Lokaljournalisten.

Denn wer in der Lokalpolitik und als Lokaljournalist Mist baut, bekommt selbigen unmittelbar wieder serviert. Wenn ich (mit Recht!) einen glühenden Artikel über die laienhafte Arbeit der Bundesregierung schreibe, wird sich wohl kaum am nächsten Tag der Regierungssprecher bei mir beschweren.
Pinkel ich einem Bürgermeister, Landrat oder Verein ans Bein, dann steht der mit ziemlicher Sicherheit am nächsten Tag bei mir auf der Matte oder mein Telefon glüht. Meine einzige Chance ist dann, meine Vorwürfe durch eine lückenlose Recherche belegen zu können. Schlampige Arbeit spricht sich schnell herum und ist der Ruf erstmal ruiniert, ist es ziemlich schwer das Vertrauen wieder herzustellen. Dann heißt es nämlich ziemlich schnell: „Nee, dem geb ich keine Interviews, der verbreitet doch nur Lügen“. Von eventuellen Gerichtsprozessen einmal ganz abgesehen.

Alles was ich mache hat also zumindest mittelbare Auswirkungen auf mein weiteres Arbeiten und das zwingt mich zwar kritsich, aber immer möglichst sauber zu berichten.

Und das – das sage ich in aller Offenheit – kann ich mir nur dank Ihrer Gebühren leisten. Denn diese kritische Distanz und auch das Ertragen des ein oder anderen Interviewboykotts durch beleidigte Lokalfürsten lässt sich eigentlich nur realisieren, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz nicht dadurch in Gefahr gerät.

Interessant in diesem Zusammenhang: Die gängigen Honorare bei sächsischen Lokalzeitungen. Manche Kollegen zahlen für einen Artikel sogar noch drauf und das würden sie nicht tun, wenn sie nicht mit Herz und Seele für den Lokaljournalismus leben würden.

Falls Ihnen also in Zukunft mal ein Meinungsforscher über den Weg läuft denken Sie daran:
Lokaljournalisten sind (oft) besser als ihr Ruf!

(*) hier darf man geteilter Meinung sein, die Davidwache Hamburg und der Prozeß um einen Jenaer Pfarrer haben gezeigt, dass man den Aussagen der Polizei nicht immer trauen sollte und das (das finde ich am erschreckensten) Beamte sich angeblich zu Falschaussagen vor Gericht verabredet haben