Archiv für den Monat: Februar 2014

Augenblick mal

Für diese Topmeldung kommt sogar der Fernseh-Ü-Wagen von RTL in die Lausitz:

RTL-Üwagen auf dem Cottbuser StadthallenvorplatzEine Cottbuser Augenärztin soll gegen Geld Patienten schnellere Termine verschafft haben.

Nicht, dass mich das verwundern würde, das Thema vertrauensvolle Berufsgruppen hatten wir ja schon. Jedenfalls prüft jetzt die Kassenärztliche Vereinigung, ob der betreffende Ärztin irgendwelche Sanktionen drohen. Hier meine Vorschläge:

  • Eine Strafrunde auf dem Golplatz mit plattem Reifen am Golfmobil und erhöhtem Handicap
  • Erhöhte Ratenzahlungen für den nächsten Porsche
  • Herabstufung von der Platin- auf die goldene Kreditkarte

Eine Frage des Vertrauens

Bei der täglichen Lektüre von „Spiegel Online“ stieß ich auf folgendes:

Job-Ranking: Diesen Berufen vertrauen die Deutschen

Ein buntes Thema, das den Kollegen bestimmt eine Menge der begehrten Klicks bringt, quasi die Quote der Online-Medien, aber dazu folgt später mal hier ein anderer Artikel.

Konkret geht es um der Vertrauen der Deutschen in bestimmte Berufsgruppen. Das Journalisten da nicht besonders gut bei weggkommen dürften ist m.E.
a) nicht sonderlich überraschend
b) einer jahrelangen selbstverschuldeten Demontage des eigenen Berufsbildes geschuldet

Deshalb auch mein Tipp: Sollten Sie in einer Zeitung oder im Internet etwas über eine Studie lesen, empfiehlt es sich, mal beim Urheber der Studie die Langfassung anzusehen, denn Journalisten sind manchmal ziemlich unfähig, was das korrekte Interpretieren von Erhebungen angeht.

Vielleicht auch ein Grund, warum nur 37% der Deutschen den Journalisten vertrauen.

Ganz viel Vertrauen schenken sie dagegen den Menschen, die es verdient haben: Krankenschwestern, Sanitätern, Polizisten (*) und Feuerwehrleuten.

Das wirft bei mir jetzt ein paar Fragen auf:

1) Soll ich als Journalist und Feuerwehrmann einfach mal den Mittelwert von 67% anlegen?
2) Warum tauchen in der Spiegel-Bildstrecke so spannende Berufe wie Manager, Banker und Unternehmensberater nicht auf?

Die spontane Antwort auf Frage 2 wäre natürlich:
Weil die Skala keine negativen Prozentwerte ausweisen kann!

Immerhin rangieren die Banker laut Studie bei 39 Prozent, aber da reissen es vermutlich die kleinen Bankberater der örtlichen Sparkasse wieder raus.

kommen wir also zur wichtigsten Frage des Tages:

Warum um alles in der Welt müssen die Menschen, denen wir am meisten Vertrauen und auf die wir alle irgendwann mal angewiesen sind jeden Euro rumdrehen und warum dürfen die anderen sinnlos und ungestraft Millionen verbraten?

Um es mit Volker Pispers zu sagen:

Aber kommen wir nochmal auf den Journalisten zurück: Interessant ist es ja, dass Politiker laut der Studie ziemlich schlecht abschneiden (15%), Bürgermeistern allerdings vergleichsweise viel Vertrauen entgegen gebracht wird (55%). Und ich wage mal zu behaupten, genau DA liegt der Schlüssel und die Hoffnung für mich als Lokaljournalisten.

Denn wer in der Lokalpolitik und als Lokaljournalist Mist baut, bekommt selbigen unmittelbar wieder serviert. Wenn ich (mit Recht!) einen glühenden Artikel über die laienhafte Arbeit der Bundesregierung schreibe, wird sich wohl kaum am nächsten Tag der Regierungssprecher bei mir beschweren.
Pinkel ich einem Bürgermeister, Landrat oder Verein ans Bein, dann steht der mit ziemlicher Sicherheit am nächsten Tag bei mir auf der Matte oder mein Telefon glüht. Meine einzige Chance ist dann, meine Vorwürfe durch eine lückenlose Recherche belegen zu können. Schlampige Arbeit spricht sich schnell herum und ist der Ruf erstmal ruiniert, ist es ziemlich schwer das Vertrauen wieder herzustellen. Dann heißt es nämlich ziemlich schnell: „Nee, dem geb ich keine Interviews, der verbreitet doch nur Lügen“. Von eventuellen Gerichtsprozessen einmal ganz abgesehen.

Alles was ich mache hat also zumindest mittelbare Auswirkungen auf mein weiteres Arbeiten und das zwingt mich zwar kritsich, aber immer möglichst sauber zu berichten.

Und das – das sage ich in aller Offenheit – kann ich mir nur dank Ihrer Gebühren leisten. Denn diese kritische Distanz und auch das Ertragen des ein oder anderen Interviewboykotts durch beleidigte Lokalfürsten lässt sich eigentlich nur realisieren, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz nicht dadurch in Gefahr gerät.

Interessant in diesem Zusammenhang: Die gängigen Honorare bei sächsischen Lokalzeitungen. Manche Kollegen zahlen für einen Artikel sogar noch drauf und das würden sie nicht tun, wenn sie nicht mit Herz und Seele für den Lokaljournalismus leben würden.

Falls Ihnen also in Zukunft mal ein Meinungsforscher über den Weg läuft denken Sie daran:
Lokaljournalisten sind (oft) besser als ihr Ruf!

(*) hier darf man geteilter Meinung sein, die Davidwache Hamburg und der Prozeß um einen Jenaer Pfarrer haben gezeigt, dass man den Aussagen der Polizei nicht immer trauen sollte und das (das finde ich am erschreckensten) Beamte sich angeblich zu Falschaussagen vor Gericht verabredet haben

Wir kratzen die Kurve

Stellen Sie sich vor, Sie haben Mist gebaut und stehen nun mit dem Rücken an der Wand. Und es sieht auch inzwischen so aus, als würden sich Ihre treusten Freunde so langsam von Ihnen abwenden.
Da können Sie

a) Den Kopf in den Sand stecken
b) alles wieder gut machen und kämpfen

Oder Sie machen es wie Energie Cottbus, irgendwas zwischen a) und b)
Der Verein steht inzwischen nicht schon mehr nur mit einem Bein in der dritten Liga, sondern mit mit 1,99 Beinen. Um den Klassenerhalt noch zu schaffen, muss der Verein lediglich fast jedes Spiel gewinnen. Dafür – so würden es alle Fußballweisen der Welt bestätigen – braucht man nicht nur gute Spieler sondern auch die Unterstützung der Fans. Um eins klar zu sagen, ich bin keiner und werde es auch nie werden. Dafür interessiere ich mich zu wenig für Fußball und verstehe auch nichts davon.

Was ich aber irgendwann mal gelernt habe ist Öffentlichkeitsarbeit und Krisenmanagement. Jetzt (oder besser gesagt eigentlich schon vor Monaten) wäre DER Zeitpunkt gewesen, alles in den Ring zu schmeissen was man hat, um die Fans zu mobilisieren. Statt dessen habe ich den Eindruck, dass man sich nach aussen zwar kämpferisch zeigen möchte, innerlich aber schon längst resigniert hat.

Heute war die Pressekonferenz vor dem alles entscheidenden Heimspiel gegen Sandhausen. Sollte Energie das versemmeln ist die Sache eigentlich gelaufen. Zwar beschwört der Trainer immer wieder wie motiviert seine Jungs aus dem Trainingslager in der Winterpause zurückgekehrt sind. Allein, zu spüren ist davon nichts. Statt Motivation macht sich Lethargie breit. Trainer und Pressesprecher sagen ihre Standardsprüche auf, es folgt eine lange Pause, bis die ersten Höflichkeits-Nachfragen der anwesenden Journalisten kommen. Nach einer Viertelstunde ist der Spaß auch schon vorbei.

Motivation sieht anders aus. Immerhin, versichert der Vereinssprecher, die Kampagne, mit der der Energie Kampfgeist zeigen will, sei ein voller Erfolg, erstaunlich viele Karten im Vorverkauf über den Ladentisch gegangen.

Die Kampagne, die der Verein sich da zusammengeschustert hat bewegt sich allerdings auf Regionalliganiveau, ach was, selbst in der Kreisklasse habe ich schon Professionelleres gesehen.

„Wir kriegen die Kurve“ lacht es uns in der Winterpause von der Facebook- und Internetseite des Vereins entgegen. Mit einem Bild, das aussieht als hätte es der Sohn des Praktikanten mal eben mit Paint zusammengebastelt:

Wir kriegen die Kurve (Quelle: Energie Cottbus)

Wir kriegen die Kurve (Quelle: Energie Cottbus)

Was will uns dieses Motiv eigentlich sagen? Aggressiv boxende Spieler und Fans möchten den Vereinsbus umkippen? Ganz davon abgesehen, dass etwa die Hälfte des Bildes von Asphalt eingenommen wird. Das kurz darauf erscheinende Video bringt auch nicht mehr Klarheit: Im Kreis joggende Energiespieler untermalt von einer Instrumentalversion von „We are the champions“ (wie zynisch!). Mit einem krampfhaft auf Versmaß gequetschtem „Wir kriegn (sic!) die Kurve mit Vollgas“ als Refrain.

Begleitet wird das Ganze von einem gerade zu unwiderstehlichem Angebot: Wer Karten für alle drei Heimspiele kauft, spart ganze drei Euro. Das ist ja fantastisch!

Nagut, Herr Erler, werden Sie jetzt sagen, meckern kann jeder, das bringt den Verein auch nicht weiter. Stimmt. Deswegen ganz kurz meine Vorschläge:

In die Öffentlichkeit gehen:
Nicht nur hier und da zum Dialog mit den Fans einladen und dann mit Minimalbesetzung aufmarschieren. Mit Spielern die ganzen Fanclubs abklappern, hier eine Autogrammstunde, da ein öffentlicher Talk zur Situation. Flagge zeigen. Statt nur zu sagen „Wir brauchen Euch“ es auch zeigen.

Die Hütte voll kriegen:
In einem Stadion zu spielen, das zu 2/3 leer ist, macht keinen Spaß und ist auch für die Aussenwirkung nicht wirklich toll. Also Karten raushauen, was das Zeug hält. Und zwar nicht nur einen Euro pro Spiel billiger, sondern mindestens die Hälfte. Meinetwegen auch an Schulen, Firmen und Vereine einen dicken Satz Freikarten vorbeibringen. Am besten persönlich (siehe vorheriger Punkt)

Eine vernünftige Kampagne:
Überlasst es nicht Anderen herauszustellen, wie wichtig Energie für die Lausitz ist. Holt Testimonials ein: Was bedeutet Energie für Lokalpolitiker, Geschäftsleute und Fans? Rauf damit auf die Internetseite und Plakate. Was verbindet die Lausitz mit dem Verein? Tolle Spiele in der Vergangenheit! Energie war immer der Verein, der das Unmögliche geschafft hat. Ein paar dieser Gänsehautmomente (Aufstieg in die erste Liga, Pokalendspiel, usw) aneinandergeschnitten, dazwischen schweißgebadete Spieler, die sich auf deutsch gesagt den Arsch aufreissen, motivierende Musik drunter: SO muss das Video aussehen.

Ich wünsche Energie Cottbus trotz allem viel Erfolg im Abstiegskampf und den Klassenerhalt. In der Hoffnung, dass sich das Marketing in Zukunft der Liga anpasst und nicht umgekehrt.

Deutsch – Polizei – Deutsch

Es ist schon erstaunlich, wieviel Mühe manche Menschen darauf verwenden, eigentlich banale Dinge möglichst verquast zu formulieren. Ein wahrer Quell der Freude sind die täglichen Polizeimeldungen:

Am Haupteingang des Krankenhauses in Finsterwalde kollidierten am Mittwoch gegen 10:00 Uhr nach erfolgter Vorfahrtmissachtung zwei PKW in der Kirchhainer Straße miteinander.

Nach erfolgter Vorfahrtsmissachtung? Ich glaube, umständlicher kann man es kaum formulieren, dass jemand einem anderen die Vorfahrt genommen hat. Noch schöner wäre die Formulierung „nach erfolgreicher Vorfahrtsmissachtung“.
Ein Kollege vermutet, dass die Polizei ein Word-Plugin verwendet, das einfach geschriebene Texte automatisch in Polizeideutsch umwandelt.
Wäre mal eine Idee für eine Internetseite. Wäre ja im guter Gesellschaft:

Späte Beerdigung

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Einer der angenehmen Termine des Reporterdaseins, auch wenn es eine Beerdigung ist. Hier wird Fürst Pückler zu Grabe getragen – mit reichlich 140 Jahren Verspätung.
Im Auftrag der ZDF-Sendung „Terra X“ wird das Leben des grünen Fürsten verfilmt. Als Dokumentation. So bin ich – wie fast der komplette Rest der Redaktion – der Meinung. Nur eine Kollegin beharrt auf den Begriff Doku-Drama und was soll ich sagen, sie hat Recht. Wieder was gelernt. Nämlich dass das, was ich jahrelang landläufig unter der Rubrik „Dokumentation“ eingeordnet habe geistig in einer Unterschublade geschoben werden muss. Beim fertigen Film werden also historische Aufnahmen und Interviews mit nachgestellten Szenen gemischt. Und was Sie dort oben sehen ist die nachgestellte Beerdigung des Fürsten. Die war nunmal im Winter und muss deshalb im Winter gedreht werden. Wie die abgelaufen ist, ist historisch belegt und unter den Komparsen sind zahreiche Mitglieder des Pücklervereins, die genau aufpassen, ob die Details auch eingehalten werden. Und es ist echt interessant, wer sich da noch alles unter den Statisten findet. Als ich mich der Gruppe nähre, höre ich nämlich recht viel sächsisch. Ein paar der Teilnehmer sind professionelle Barock-DarstellerInnen. Tatsächlich gibt es da auch regelmäßige Treffen in Deutschland, zu denen Menschen aus dem ganzen Land in historischen Gewanden strömen. Und ganz nebenbei werden diese Leute regelmäßig fürs Fernsehen gebucht, denn sie bringen praktischerweise Kostüm und Begeisterung mit.

Der Regisseur ist übrigens gut zu Erkennen: lange wallende graue Haare, ein genau so wallender Fellmantel und eine Brille mit dickem roten Rand. Zwei Funkgeräte am Gürtel. Also genau so, wie man sich einen Regisseur vorstellt. Und ich bilde mir ein, er ist ein wenig beleidigt, weil ich ihn nach dem Interview nach seinem Namen frage und ihn nicht schon kenne 🙂

Mit Eifer sind die Mitglieder der Gräflich Schönburgischen Schloßcompagnie dabei. Auf meine naive Frage, warum denn Sachsen mit preußischen Uniformen rumlaufen, erhalte ich einen 20minütigen Vortrag über die wechselnden Loyalitäten vor dem 7-Jährigen Krieg und Truppen, die von Österreich über Böhmen nach Sachsen geschickt wurden. Jedenfalls ist auch diese Garde gern gebucht. Sie haben schon für diverse Deutsche und Tschechische Produktionen vor der Kamera gestanden.

Begeisterung braucht man auch. Denn nach 2 Stunden im Schnee hat sich der Trauerzug gerade mal formiert und ist noch nicht mal losgegangen.

Ich spüre schon meine Füße nicht mehr und mache mich vom Acker, der nächste Termin ruft. Die Kollegin von der Zeitung war aber offenbar bis zum Schluß da.

Hier ihre Eindrücke

Achso: Zu sehen sein soll das Ganze im Frühjahr 2015.

Jetzt bloggt er auch noch!

Hat der Junge nix besseres zu tun?

Die Antwort lautet: Doch. Na klar. Aber – sie kennen das nach einem üppigen Mahl – was raus muss, muss raus.

Und als Journalist muss man den ganzen Tag eine Menge schlucken. Die Symptome sind die gleichen: Wenn das dann nicht irgendwie raus kann, gibt das eine ungesunde Gesichtsfarbe, Magenprobleme und ziemlich schlechte Laune.

Manch einer kompensiert das durch Sport, andere kaufen sich schnelle rote Autos und noch Andere suchen Entspannung im Zen-Steingarten oder gehen Golf spielen. Da ich zu jung und attraktiv bin für Golf, noch nicht midlife-crisisch genug für schnelle rote Autos und generell eigentlich viel zu unsportlich bleibt mir nur das zu tun, was ich ohnehin den ganzen Tag mache: Andere Leute zutexten. Hier allerdings ungefiltert und vielleicht ein bißchen derber, als Sie es vielleicht von mir aus dem Radio gewohnt sind.Also eher frei von der Leber weg, wie man es aus unserem Podcast kennt.

Deshalb werden sich hier Geschichten aus der Lausitz wiederfinden, genauso wie Ansichten zur allgemeinen Lage der Nation und vielleicht auch ein bißchen was zu Science Fiction und Computerspielen. Wobei sich das ja auch ein wenig überschneidet, denn das böse Internet ist ja Schuld an allem.

Ich hoffe, Sie haben so viel Spaß am Lesen wie ich beim Schreiben. Und sollten Sie ein fehlendes oder oder überflüssiges Wort oder den ein oder anderen Tippfehler bemerken: Ich bin nicht umsonst zu Radio und nicht zur Zeitung gegangen 🙂