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Fakten

Ich mag Belgien. Ich bin an der Grenze zu Belgien aufgewachsen. Ich mag Belgisches Bier, ich mag Belgisches Essen, ich mag den Geruch eines typisch Belgischen Supermarktes. Ich habe bei einem Belgischen Radiosender Praktikum gemacht und meine Diplomarbeit über den grenzüberschreitenden Rundfunk im Deutsch-Belgischen Grenzgebiet geschrieben.

Umso erschreckender, dass meine erste Reaktion nach den Anschlägen in Brüssel war: „Ein Glück, Du hast Urlaub. Da können sich die Kollegen drum kümmern.“ Vielleicht bin ich einfach zu abgestumpft. Wenn ich von einem Terroranschlag lese, sehe ich vor meinem geistigen Auge als erstes nicht die Opfer, sondern die Medienmaschinerie anlaufen: All die Kamerateams die die gleichen Bilder drehen, all die „Terrorexperten“ die im gleichen Nebel stochern und mit vielen Worten gar nix sagen. All die Lokalsender, die jetzt versuchen, „einheimische“ Belgier aufzutreiben, um mit ihnen über ihre Reaktionen zu sprechen.

Nirgendwo habe ich dieses Gefühl besser zusammengefaßt gesehen als in dieser Graphik von kritzelkomplex, die am Vormittag nach Brüssel in meiner twittertimeline gespült wurde:Quelle: Kritzelkomplex.de

Quelle: Kritzelkomplex.de

Und tatsächlich fahre ich nach jedem Terroranschlag, Amoklauf oder Flugzeugabsturz meinen Medienkonsum absichtlich zurück. Ich verweigere mich Livetickern, aufgeregten Vor-Ort-Reportern und „hintergründigen“ Talkrunden. Und habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Ich stelle fest: Mir entgehen keine Fakten. Heute morgen habe ich in den Antenne-Radio-Nachrichten alle Informationen in 2 Minuten aufbereitet bekomme, die ich wissen muss. Unaufgeregt und sachlich. SO etwas wünsche ich mir öfter: Unaufgeregtheit. Liebe Kollegen vom Fernsehen und Online: Ich verlange ja gar nicht, dass Ihr das Thema ignoriert, aber ich muss nicht jeden einzelnen Toten und Verletzten mitzählen müssen. Sagt doch einfach: Da ist was passiert, es gibt Tote und Verletzte, sobald wir gesicherte Informationen haben, werden wir sie mitteilen. Mir bringt es nichts, wenn sichtlich überforderte Korrespondenten vor laufender Kamera spekulieren und die paar gesicherten Fakten immer wieder im Kreis drehen. Wenn der gleiche Artikel alle 10 Minuten umformuliert wird, um in den Suchmaschinenalgorythmen on top zu bleiben. Mut zur Zurückhaltung: Wenn ich keine neuen Erkenntnisse habe, einfach mal die Klappe halten. Eure Zuschauer/Leser sind durchaus in der Lage, sich eigene Gedanken zu machen, Ihr müsst ihnen nicht alles vorkauen. Lieber weniger dafür vollwertige Kost, statt sie solange mit kleinen Häppchen zuzustopfen, bis sie nichts mehr verdauen können.

Weisheiten aus dem LTB (1)

Ich lese ja seit meiner Kindheit das lustige Taschenbuch. Zwischenzeitlich mit fast einem Jahrzehnt Pause (Kurzhosenmickey sei Dank), aber seit einigen Jahren wieder mit Begeisterung.

Und immer wieder finde ich ziemlich subversive Botschaften, manche recht subtil, andere wieder recht „In your face“. Die (zur Zeit aktuelle) Ausgabe 460 bietet ein besonderes Schmankerl für alle Medienmacher und -konsumenten: Donalds DVD-Spieler gibt den Geist auf und er ist gezwungen, seit langem mal wieder reguläres Fernsehprogramm zu gucken. Zusammen mit seinen drei Neffen fragt er sich, warum im Ausland gute Serien produziert werden, aber nicht in Entenhausen. Weil es keine guten Autoren gibt, ist Donalds Antwort und er schreibt das beste Konzept aller Zeiten für eine innovative Serie – nur um bei allen Sendern damit zu scheitern:

LTB_Fernsehen

LTB, you made my day! Selten habe ich das Problem der deutschen Fernsehbranche so knapp und treffend getroffen gesehen. Und das auch noch auf unterhaltsame Art. Absolute Leseempfehlung!

Die Gefahr lauert überall

Diese Schlagzeile bei Spiegel online machte meinen Tag:SchminkspiegelMan stelle sich vor: Die Rallye Paris-Dakhar mit Mühe und Not überstanden, 70 Grad in der Wüste, 3 Tage ohne Wasser, der hektische Reifenwechsel, während die Taliban bedrohlich auf ihren Scud-Raketen anrückten….

….und dann beim Schminken einen Stromschlag bekommen

Defekte Schminkspiegel bei einem Geländewagen ist wohl der dämlichste Rückrufgrund, den ich bisher gehört habe…

Augenblick mal

Für diese Topmeldung kommt sogar der Fernseh-Ü-Wagen von RTL in die Lausitz:

RTL-Üwagen auf dem Cottbuser StadthallenvorplatzEine Cottbuser Augenärztin soll gegen Geld Patienten schnellere Termine verschafft haben.

Nicht, dass mich das verwundern würde, das Thema vertrauensvolle Berufsgruppen hatten wir ja schon. Jedenfalls prüft jetzt die Kassenärztliche Vereinigung, ob der betreffende Ärztin irgendwelche Sanktionen drohen. Hier meine Vorschläge:

  • Eine Strafrunde auf dem Golplatz mit plattem Reifen am Golfmobil und erhöhtem Handicap
  • Erhöhte Ratenzahlungen für den nächsten Porsche
  • Herabstufung von der Platin- auf die goldene Kreditkarte

Eine Frage des Vertrauens

Bei der täglichen Lektüre von „Spiegel Online“ stieß ich auf folgendes:

Job-Ranking: Diesen Berufen vertrauen die Deutschen

Ein buntes Thema, das den Kollegen bestimmt eine Menge der begehrten Klicks bringt, quasi die Quote der Online-Medien, aber dazu folgt später mal hier ein anderer Artikel.

Konkret geht es um der Vertrauen der Deutschen in bestimmte Berufsgruppen. Das Journalisten da nicht besonders gut bei weggkommen dürften ist m.E.
a) nicht sonderlich überraschend
b) einer jahrelangen selbstverschuldeten Demontage des eigenen Berufsbildes geschuldet

Deshalb auch mein Tipp: Sollten Sie in einer Zeitung oder im Internet etwas über eine Studie lesen, empfiehlt es sich, mal beim Urheber der Studie die Langfassung anzusehen, denn Journalisten sind manchmal ziemlich unfähig, was das korrekte Interpretieren von Erhebungen angeht.

Vielleicht auch ein Grund, warum nur 37% der Deutschen den Journalisten vertrauen.

Ganz viel Vertrauen schenken sie dagegen den Menschen, die es verdient haben: Krankenschwestern, Sanitätern, Polizisten (*) und Feuerwehrleuten.

Das wirft bei mir jetzt ein paar Fragen auf:

1) Soll ich als Journalist und Feuerwehrmann einfach mal den Mittelwert von 67% anlegen?
2) Warum tauchen in der Spiegel-Bildstrecke so spannende Berufe wie Manager, Banker und Unternehmensberater nicht auf?

Die spontane Antwort auf Frage 2 wäre natürlich:
Weil die Skala keine negativen Prozentwerte ausweisen kann!

Immerhin rangieren die Banker laut Studie bei 39 Prozent, aber da reissen es vermutlich die kleinen Bankberater der örtlichen Sparkasse wieder raus.

kommen wir also zur wichtigsten Frage des Tages:

Warum um alles in der Welt müssen die Menschen, denen wir am meisten Vertrauen und auf die wir alle irgendwann mal angewiesen sind jeden Euro rumdrehen und warum dürfen die anderen sinnlos und ungestraft Millionen verbraten?

Um es mit Volker Pispers zu sagen:

Aber kommen wir nochmal auf den Journalisten zurück: Interessant ist es ja, dass Politiker laut der Studie ziemlich schlecht abschneiden (15%), Bürgermeistern allerdings vergleichsweise viel Vertrauen entgegen gebracht wird (55%). Und ich wage mal zu behaupten, genau DA liegt der Schlüssel und die Hoffnung für mich als Lokaljournalisten.

Denn wer in der Lokalpolitik und als Lokaljournalist Mist baut, bekommt selbigen unmittelbar wieder serviert. Wenn ich (mit Recht!) einen glühenden Artikel über die laienhafte Arbeit der Bundesregierung schreibe, wird sich wohl kaum am nächsten Tag der Regierungssprecher bei mir beschweren.
Pinkel ich einem Bürgermeister, Landrat oder Verein ans Bein, dann steht der mit ziemlicher Sicherheit am nächsten Tag bei mir auf der Matte oder mein Telefon glüht. Meine einzige Chance ist dann, meine Vorwürfe durch eine lückenlose Recherche belegen zu können. Schlampige Arbeit spricht sich schnell herum und ist der Ruf erstmal ruiniert, ist es ziemlich schwer das Vertrauen wieder herzustellen. Dann heißt es nämlich ziemlich schnell: „Nee, dem geb ich keine Interviews, der verbreitet doch nur Lügen“. Von eventuellen Gerichtsprozessen einmal ganz abgesehen.

Alles was ich mache hat also zumindest mittelbare Auswirkungen auf mein weiteres Arbeiten und das zwingt mich zwar kritsich, aber immer möglichst sauber zu berichten.

Und das – das sage ich in aller Offenheit – kann ich mir nur dank Ihrer Gebühren leisten. Denn diese kritische Distanz und auch das Ertragen des ein oder anderen Interviewboykotts durch beleidigte Lokalfürsten lässt sich eigentlich nur realisieren, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz nicht dadurch in Gefahr gerät.

Interessant in diesem Zusammenhang: Die gängigen Honorare bei sächsischen Lokalzeitungen. Manche Kollegen zahlen für einen Artikel sogar noch drauf und das würden sie nicht tun, wenn sie nicht mit Herz und Seele für den Lokaljournalismus leben würden.

Falls Ihnen also in Zukunft mal ein Meinungsforscher über den Weg läuft denken Sie daran:
Lokaljournalisten sind (oft) besser als ihr Ruf!

(*) hier darf man geteilter Meinung sein, die Davidwache Hamburg und der Prozeß um einen Jenaer Pfarrer haben gezeigt, dass man den Aussagen der Polizei nicht immer trauen sollte und das (das finde ich am erschreckensten) Beamte sich angeblich zu Falschaussagen vor Gericht verabredet haben